Über Grenzen, Grenzverschiebungen und einen "sozialethischen Garten"

Prof.'in Marianne Heimbach-Steins hält Abschiedsvorlesung vor gut 200 Gästen

In festlichem Rahmen hat sich Prof.'in Marianne Heimbach-Steins am Freitag, 11. Juli 2025, zum Ende der Vorlesungszeit des Sommersemesters aus dem aktiven Dienst der Universität Münster verabschiedet. Vor gut 200 Gästen sprach sie in ihrer Abschiedsvorlesung zum Thema "Grenzverschiebungen und neue Blickachsen. Eine (subjektive) Kartierung der Sozialethik" über die Entwicklung der Sozialethik im Kontext katholischer Theologie und über herausfordernde Fragen einer theologisch-politischen Ethik. Ein anschließender Empfang in den Räumen der Katholisch-Theologischen Fakultät gab den zahlreichen Gästen Gelegenheit zur Stärkung und zu angeregten Gesprächen.

Das Bild zeigt den Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät Prof. Dr. Oliver Dyma, der zu Beginn der Veranstaltung die Gäste begrüßt und Prof.'in Dr. Marianne Heimbach-Steins würdigt.
Dekan Prof. Dr. Oliver Dyma begrüßte die Gäste und würdigte die scheidende Kollegin.
© KTF | Dagmar Thiel

Zu Beginn der Veranstaltung würdigte der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät, Prof. Dr. Oliver Dyma, die scheidende Kollegin im Auditorium maximum der Universität Münster. Er hob ihr vielfältiges Engagement in der Forschung und in der Lehre, in der Begleitung junger Wissenschaftler:innen und in der akademischen Selbstverwaltung hervor. "Deine fundierte, an Gegenwartsthemen orientierte und in der eigenen Forschung basierte Lehre wurde von Kolleginnen und Kollegen wie Studierenden geschätzt. Dein Herzblut und dein Brennen für die Sache konnten begeistern", sagte Oliver Dyma. Er erwähnte insbesondere Marianne Heimbach-Steins' Engagement bei der Ausbildung des akademischen Nachwuchses. 25 abgeschlossene oder noch laufende Promotionen und fünf Habilitationen begleitete sie in 29 Jahren als Professorin. Oliver Dyma: "Du begleitest die Arbeiten eng und hast bereits Vereinbarungen mit denen getroffen, deren Arbeiten noch nicht abgeschlossen sind."

Der Dekan betonte, welch wichtige Rolle Frauen heute in der Theologie spielen und die Diskurse prägen. "Dass es weibliche role models gibt, ist Frauen wie dir zu verdanken, die sich in diesem patriarchal-paternalistischen System durchsetzen konnten, Professuren bekleideten, öffentlich sichtbar waren, sich in der öffentlichen Diskussion streitbar zeigten. Das war kein einfacher Weg, wie man am Lebensweg verschiedener Theologinnen ablesen kann. Auch wenn wir heute viele positive Beispiele wie dich haben, sind wir jedoch von einer echten Parität innerhalb der Wissenschaft, der Theologie noch weit entfernt, wie uns die Zahlen deutlich zeigen."

Prof.'in Dr. Marianne Heimbach-Steins hält ihre Abschiedsvorlesung vor rund 200 Gästen im Auditorium maximum der Universität Münster.
Prof.'in Dr. Marianne Heimbach-Steins hält ihre Abschiedsvorlesung vor rund 200 Gästen im Auditorium maximum der Universität Münster.
© KTF | Dagmar Thiel

In ihrer Vorlesung mit dem Titel "Grenzverschiebungen und neue Blickachsen. Eine (subjektive) Kartierung der Sozialethik" sprach Heimbach-Steins über die Entwicklung der Sozialethik im Kontext katholischer Theologie sowie über die bleibenden Herausforderungen einer theologisch-politischen Ethik. Ausgehend von ihrer eigenen wissenschaftlichen Biografie erinnerte sie sich, wie sie sich Mitte der 1990er Jahre als junge Professorin noch in einer rein männlichen Sphäre vorfand: "Wo Männer, fast alle Priester, bisher unter sich geblieben waren, irritierten Frauen allein durch ihre Anwesenheit" – und das umso mehr, wenn sie eigene, geschlechtsspezifisch konnotierte Erfahrungen zur Sprache brachten. Als eine für ihr Fach wegweisende "Grenzverschiebung" beschrieb Heimbach-Steins die Aufnahme von Frauen- und Geschlechterthemen in das Aufgabenheft der Sozialethik: Forschung über die Menschenrechte von Frauen und Mädchen, die Auseinandersetzung mit der Androzentrik der Menschenrechte, die Analyse von Geschlechterverhältnissen, Geschlechterordnungen, Machtasymmetrien und geschlechtsbezogenen Ausschließungen bilden seit drei Jahrzehnten einen ihrer Forschungsschwerpunkte.

Ausdrücklich richtete sie die Aufmerksamkeit auf die prekäre Anerkennung von Menschen, die sich nicht in der binären und heteronormativen Geschlechterordnung identifizieren können: "Solche Grenzen wahrzunehmen und unter Ausarbeitung guter Gründe zu durchbrechen, musste ich lernen – wie wahrscheinlich die meisten Menschen meiner Generation, die in der Recht, Religion, Bildung und alle Lebensbereiche prägenden binären heteronormativen Ordnung sozialisiert wurden". Und sie betonte: "Konkrete Begegnungen mit der Vielfalt geschlechtlicher Identitäten und die Befassung mit entsprechenden humanwissenschaftlichen Erkenntnissen bilden einen Referenzrahmen, in dem eine theologische Anthropologie und eine Sozialethik der Geschlechterbeziehungen und -verhältnisse neu zu vermessen ist."

Grenzen und Grenzverschiebungen sind aber auch, so die Sozialethikerin im zweiten Teil ihrer Vorlesung, ein Gegenstand politisch-ethischer Analyse, nicht zuletzt mit Bezug auf das politisch umkämpfte Terrain von Migration, Flucht und Asyl. Ihre Ausgangsthese lautete hier: "Die Ambivalenz der Grenze kann sozialethisch analysiert und in ihren Wirkungen normativ reflektiert, aber nicht aufgelöst werden. Sie verschärft vielmehr die politisch-ethische Frage." Deshalb sei die Rede von Grenzverschiebungen ethisch nicht neutral, sondern führe als Prüfkriterium den Anspruch mit sich, Ausschließung zu überwinden und gerechte Teilhabe zu ermöglichen.

Das Bild zeigt Marianne Heimbach-Steins am Pult während ihrer Abschiedsvorlesung.
Unter dem Titel "Grenzverschiebungen und neue Blickachsen" führte Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins eine (subjektive) Kartierung der Sozialethik durch.
© KTF | Dagmar Thiel

Was das bedeutet, entwickelte sie in einer Reflexion über Grenzen und die Ausübung von Macht über Grenzen: "Ob Grenzen trennen oder verbinden und für wen sie durchlässig oder undurchlässig sind, hängt davon ab, wie Definitionshoheit und regulatorische Macht über Grenzen ausgeübt werden." Zwar gelte die Ausübung der (staatlichen) Souveränität in der modernen Staatenwelt, in der "die Allgemeinen Menschenrechten jedenfalls grundsätzlich anerkannt wurden", nicht unbedingt, sondern unterliege einer Legitimationspflicht und werde mindestens durch den Schutzanspruch politischer Verfolgter begrenzt. Darüber hinaus gehende Beschränkungen des Souveränitätsrechts zugunsten des Schutzes und der Teilhabe für Menschen, die ihre Menschenrechte nicht (mehr) in ihrem Herkunftsland einklagen können, seien aber Gegenstand anhaltender asyl-, flucht- und migrationspolitischer Auseinandersetzungen: "Typischerweise werden solche Erwartungen im Namen der Souveränität abgewehrt bzw. restriktiv eingehegt".

Unter Bezug auf den Soziologen Steffen Mau unterstrich Heimbach-Steins, Grenzen würden zunehmend auch jenseits des eigenen Territoriums kontrolliert und durch die Nutzung digitaler Instrumente nicht nur verschärft, sondern auch für potentiell Betroffene undurchschaubar. Ausschließende Grenzmacht werde auf die Spitze getrieben unter dem Vorzeichen von „nation first“-Ideologien: Denn dann werden Grenzen "nicht nur 'nach außen' buchstäblich hochgezogen, sondern auch im Innern faktisch heterogener Gesellschaften zur Marginalisierung, wenn nicht Ausschließung aller, die als 'Andere' identifiziert werden, eingesetzt".

Sozialethik als Menschenrechtsethik versteht deshalb das grundlegende Menschenrecht auf Zugehörigkeit zu einer Rechtsgemeinschaft als ein Kernproblem politischer Ethik. Heimbach-Steins formulierte scharf: "Kein Weg führt an der Einsicht vorbei, dass das Recht auf Zugehörigkeit zu einer Rechtsgemeinschaft nicht einen abstrakten, sondern einen konkreten Anspruch auf Anerkennung der Rechtssubjektivität in der politischen Wirklichkeit meint." Aber genau dieses Recht werde bestimmten Menschen "nicht zufällig, sondern systematisch, nämlich gemäß dem Prinzip der Souveränität, das die Staatenwelt strukturiert, vorenthalten". Mit dieser strukturellen Problematik stehe der Anspruch der Menschenrechte, universal und unteilbar für jeden Menschen zu gelten, auf dem Spiel. Angesichts dessen müsse eine Ethik, die vor dem Hintergrund der politischen Verfasstheit unserer Welt die soziale Frage entgrenzt als globale Frage stellt, sich fragen, wie sie dem Verhältnis von Theorie und Praxis angemessen Rechnung tragen kann, ohne sich in ein idealistisches "Wolkenkuckucksheim" zurückzuziehen.

Das Jazz-Duo Christoph Heimbach (Saxophon) und Leandro Hernández Waber (Orgel) rahmte die Festveranstaltung musikalisch.
Das Jazz-Duo Christoph Heimbach (Saxophon) und Leandro Hernández Waber (Orgel) rahmte die Festveranstaltung musikalisch.
© KTF | Dagmar Thiel

Im letzten Teil ihrer Vorlesung fragte Heimbach-Steins, wie eine theologische Ethik mit dieser "dornigsten Frage sozialethischer Reflexion" umgehen kann, und erläuterte, inwiefern die Theologie für die Sozialethik nicht ein beliebiger Kontext ist, sondern eine wichtige Quelle der Erkenntnis und der Orientierung bildet. Im Bild eines zweifädigen "roten Fadens" erklärte sie ihren Ansatz: Der eine Faden steht für die "Option für die Armen" – die theologisch bestimmte Perspektive auf die Leidens- und Ungerechtigkeitserfahrungen konkreter Menschen. Der andere Faden steht für den Anspruch, die gleiche Würde jeder Person in ihrer je verletzlichen Identität anzuerkennen, mit guten Gründen zu vertreten und in einen Ordnungsrahmen zu übersetzen. "Die Verzwirnung von Norm- und Perspektivfaden bewirkt, dass die von konkreten Erfahrungswirklichkeiten abstrahierende Konzeption einer gerechten Ordnung beständig angefragt wird durch den an der Wirklichkeit der Leidenden geschulten Blick auf das, was ethisch nicht in Ordnung ist." Dadurch komme eine Dynamik von Kritik und Veränderung in Gang, um die Ordnung auf das hin zu entwickeln, was für alle gut und gerecht ist bzw. sein soll.

Biblisch lasse sich dies anhand der Erzählungen von Gottes guter Schöpfung, der Befreiung aus der Unterdrückung und der prophetischen Kritik einer sozial ungerechten, dem Gottesbekenntnis und der Identität stiftenden Befreiungserfahrung zuwiderlaufenden Praxis der Mächtigen rekonstruieren. Exemplarisch skizzierte Heimbach-Steins anhand der biblischen Prophetie ein Modell ethischer Kritik, das Potential hat zu einer konstruktiven, theologisch begründeten Grenzüberschreitung und gerade angesichts einer um sich greifenden, ideologischen Rückwärtsgewandtheit eine Alternative anbietet zu Verzweiflung oder Zynismus, weil sie "gegen alle Widerstände das Ziel eines guten Lebens in Gerechtigkeit und Frieden für alle nicht preisgibt".

Prof. Dr. Alexander Filipović, Prof.'in Anna Noweck, JProf.'in Dr. Anna Maria Riedl und Dr. Dr. Claudius Bachmann (v. l. n .r.) überreichten Prof.'in Dr. Marianne-Heimbach-Steins die Festschrift.
Prof. Dr. Alexander Filipović, Prof.'in Anna Noweck, JProf.'in Dr. Anna Maria Riedl und Dr. Dr. Claudius Bachmann (v. l. n .r.) überreichten Prof.'in Dr. Marianne-Heimbach-Steins die Festschrift.
© KTF | Dagmar Thiel

Nach der mit langem Beifall bedachten Vorlesung überreichten JProf.in Dr. Anna Maria Riedl, Prof.in Anna Noweck, Prof. Dr. Alexander Filipović und Dr. Dr. Claudius Bachmann – alle vier sind Schüler:innen von Prof.in Heimbach-Steins – eine Festschrift: Der in der Reihe des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften "Gesellschaft – Ethik – Religion" im Verlag Brill I Schöningh erschienene Band trägt den Titel "Sozialethik im Kontext. Interdisziplinäre Fragen einer gesellschaftlich engagierten Theologie". Damit spielen die Herausgeber:innen auf das Profil von Sozialethik an, für das die Geehrte steht. In fünf thematischen Teilen greifen die insgesamt 21 Beiträge dieses Profil auf vielfältige Weise auf und entwickeln es weiter. (Weitere Informationen über die Festschrift sowie Bestellmöglichkeiten finden Sie auf der Internetseite des Verlags Brill I Schöningh.)

Ihr Schlusswort stellte Heimbach-Steins unter das Leitmotiv "Erntedank" und betonte, sie habe "das akademische Gärtnern als einen beglückenden Beruf" erlebt. Sie dankte ihren Lehrern und Kolleg:innen, ihren Studierenden und Doktorand:innen sowie vor allem ihren Mitarbeiter:innen aus den zurückliegenden Jahrzehnten: "Wir haben unseren sozialethischen Garten gemeinsam gehegt – ohne Euch wäre das nichts geworden!" Auch ihrem Mann, dem Bibelwissenschaftler Prof. Dr. Georg Steins, der sie als Freund und theologischer Gesprächspartner seit Studienzeiten und seit 36 Jahren als ihr Ehemann begleitet, dankte sie von Herzen.

Als Freund seit Studienzeiten und seit 36 Jahren als ihr Ehemann begleitet die Sozialethikerin der Bibelwissenschaftler Prof. Dr. Georg Steins.
Als Freund seit Studienzeiten und seit 36 Jahren als ihr Ehemann begleitet die Sozialethikerin der Bibelwissenschaftler Prof. Dr. Georg Steins.
© KTF | Dagmar Thiel

Musikalisch gerahmt wurde die Festveranstaltung durch das Jazz-Duo Christoph Heimbach am Saxophon und Leandro Hernández Waber an der Orgel sowie am Klavier mit Stücken von Pat Metheny, Keith Jarrett und Mike Manieri. Die beiden Musiker begleiteten auch den anschließenden Empfang in den Räumen der Katholisch-Theologischen Fakultät, der den zahlreichen Gästen Gelegenheit zur Stärkung und zu angeregten Gesprächen gab.

Am 01. Oktober 2025 wird Prof.in Marianne Heimbach-Steins nach fast 40 Jahren in der Sozialethik in den Ruhestand treten. An der Universität wird sie jedoch weiterhin mit ihren Forschungsprojekten präsent bleiben, denn für die kommenden drei Jahre wurde sie zur Seniorprofessorin ernannt.

Das Bild zeigt den Empfang in Anschluss an die Abschiedsvorlesung in den Räumen der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster.
Beim anschließenden Empfang in der Katholisch-Theologischen Fakultät hatten die zahlreichen Gäste Gelegenheit, sich auszutauschen und weitere Geschenke zu überreichen.
© KTF | Dagmar Thiel